Informationen über das Schwerpunktprogramm 1173 "Integration und Desintegration der Kulturen im europäischen Mittelalter"

 

Übersicht
1. Konzeption des SPP
2. Wissenschaftliches Programm
2.1 Stand der Forschung
2.2 Wissenschaftliche Ziele
2.3 Arbeitsprogramm
3. Zusammenfassung

 

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat im Mai 2004 die Einrichtung des Schwerpunktprogramms 1173 "Integration und Desintegration der Kulturen im europäischen Mittelalter" auf sechs Jahre beschlossen.

Grundlage der Entscheidung war ein Antrag der Professorinnen und Professoren Michael Borgolte (Geschichte, Humboldt-Universität zu Berlin), Wolfgang Haubrichs (Germanistik, Universität des Saarlandes), Birgitt Hoffmann (Orientalistik, Universität Bonn), Klaus Krüger (Kunstgeschichte, Freie Universität Berlin), Christoph Markschies (Theologie, Humboldt-Universität zu Berlin), Bernd Schneidmüller (Geschichte, Universität Heidelberg) und Renate Wittern-Sterzel (Medizingeschichte, Universität Erlangen-Nürnberg). Die Koordination der Antragstellung lag bei den Professoren Michael Borgolte und Bernd Schneidmüller , die auch als Sprecher des bewilligten SPP 1173 fungieren. Die bewilligten und geförderten Projekte nahmen ihre Arbeit zum 1. Juli 2005 auf.


1. Konzeption des SPP

Nach der Überwindung des jahrzehntelangen Ost-West-Gegensatzes wird Europa zunehmend durch eine Periode kultureller Nahbeziehungen und der durch sie ausgelösten Anpassungen, aber auch durch Ängste und Konflikte gekennzeichnet. Von besonderer Brisanz ist dabei die Frage nach einer europäischen Identität: Ist bzw. soll eine christlich geprägte Einheitskultur deren Grundlage sein oder müssen andere Traditionen, etwa geprägt durch den Islam, in einem politisch und wirtschaftlich vereinten Europa Anteil am kulturellen Fundament des Zusammenlebens erhalten? Die Wissenschaft kann und darf den politischen und weltanschaulichen Streit über solche Fragen nicht lösen. Aber sie vermag einen Beitrag zu leisten, indem sie durch historische Erläuterungen die Problematik der Ausgleichsprozesse und der Abwehrmechanismen besser versteh- und daher auch beherrschbar macht. Da die Ursachen vieler Verflechtungen und Konflikte in der Vormoderne liegen und viele kulturelle Auseinandersetzungen im Mittelalter ihre Prägung erhielten, ist ein Studium von Austausch- und Anpassungsprozessen mit ihren Ursachen in jener Zeit besonders fruchtbar.

Die wissenschaftlichen Fächer, die sich mit dem Mittelalter beschäftigen, haben sich seit dem 19. Jahrhundert stark ausdifferenziert, so dass das Studium kultureller Wechselwirkungen heute oft durch Fächergrenzen eingeschränkt wird. In der Regel sind die Disziplinen auf bestimmte Kulturen, Formen von Kulturleistungen oder einzelne Nationalgeschichten spezialisiert oder beziehen nichtmittelalterliche Perioden ein. Daher scheint es dringend geboten, vor allem eine engere Kooperation zwischen den Fächern zu schaffen, die sich einerseits mit der Welt des lateinischen Christentums befassen, und jenen, die andererseits weitere religiös geprägte "Großkulturen" zum Gegenstand haben: Byzantinistik (bzw. Slawistik oder Osteuropahistorie), Islamwissenschaften und Judaistik. Trotz verschiedener Ansätze in jüngerer Zeit hat die deutsche Forschung auf diesem Feld sicherlich noch immer einen großen Vorsprung der angloamerikanischen oder auch der französischen Forschung aufzuholen.

Im Austausch der Kulturen begegnen sich Zeichen- und Sinnsysteme aus unterschiedlichen Wurzeln, die zu Konstruktionen von Kategorien des Eigenen wie des Fremden/Anderen (z. B. des Heiden, des Muslim, des Juden, des Slaven/Sklaven, des Barbaren) führten. Dabei etablierten sich neue Wertsysteme, Verhaltensnormen, kulturelle und literarische Muster. Deshalb will das Schwerpunktprogramm auch Vergleiche anstellen, die das Verständnis von Devianzen oder von der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen ermöglichen. Hier sollen ebenso wie das Gesamtprojekt auch die Einzelprojekte Einsichten zu Prozessen der Integration und Desintegration Europas im Ganzen beitragen; Fragestellungen, die sich in herkömmlicher Weise auf eine "nationale" Kultur oder Geschichte beschränken, sind dezidiert ausgeschlossen.

Ein dezentrales Schwerpunktprogramm mit übergeordneter Organisationsstruktur bietet diesem Arbeitsprogramm beste Realisierungschancen: Auf diese Weise kann die notwendige fachliche Vielfalt und Exzellenz der Einzelfächer verschiedener Universitätsstandorten fruchtbar zusammengeführt werden.

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2. Wissenschaftliches Programm

2.1 Stand der Forschung

Seit Beginn des neuen Jahrtausends sind viele Europäer auf der Suche nach den historischen Koordinaten ihrer Existenz. Das Christentum, das mehr als tausend Jahre lang den Grundriss von Lebensentwürfen markierte, hat weithin seine Verbindlichkeit eingebüßt. Die Ideologien des modernen, des wissenschaftlichen Zeitalters sind diskreditiert, die Nationalstaaten verlieren ihre Autorität als politische Ordnungsmacht bei gleichzeitigem Aufflammen nationalistischer Bewegungen und die neuen suprastaatlichen Politik- und Verwaltungsverbünde vermögen keine Sinnstiftung zu vermitteln. Unübersehbar sind die Prozesse einer umfassenden Entgrenzung, die in der Gegenwart mit den Schlagworten von der Globalisierung der Welt oder der Europäisierung Europas angesprochen werden.

Auf diese Erfahrungen wollen manche zeitgenössische Historiker mit der Diagnose antworten, Europa sei in seiner Geschichte ebenso ein Schmelztiegel der Kulturen gewesen wie die Vereinigten Staaten von Amerika. Dieses Urteil scheint unzutreffend zu sein. Denn die europäische Geschichte ist nicht die Geschichte einzelner Kulturen, die in einem Schmelzprozess zu einer Einheitskultur geworden wären. Vielmehr war Europa – und ist es noch in seiner Gegenwart – geprägt von unaufhörlichen Prozessen der gegenseitigen Anpassung und Abgrenzung der Kulturen, die es bevölkerten. So entstand keine europäische Einheit, sondern ein enges Gefüge von Einheiten, das in der Regel das Abgleiten der Teile in Sonderexistenzen verhinderte. Dieses Gefüge formierte sich bereits im Lauf des Mittelalters.1 Das Studium des mittelalterlichen Jahrtausends in seiner Vielfalt und Widersprüchlichkeit vermittelt darum entscheidende Einsichten in die Besonderheiten und Bedingtheiten der europäischen Kulturen. Obwohl sich Einheiten und Differenzen in einem ständigen Wandel erneuerten, geschah dies in ständigem Bezug aufeinander. Wer diese europäische Besonderheit erfassen möchte, muss nur das mittelalterliche Europa (in seiner ganzen geografischen Weite) mit dem zeitlich parallelen Fernen Osten vergleichen: schnell werden Diskrepanzen zwischen asiatischer Pluralität und europäischer Identität in ihrer Verschiedenheit erkennbar.

Einheit und Differenzen Europas kommen im Mittelalter wohl nirgends besser zum Ausdruck als im Bereich der Religionen. Im Unterschied zum Polytheismus der griechisch-römischen Antike, bei den Naturvölkern und den vorstaatlichen Stammesgesellschaften oder auch bei gleichzeitigen Kulturen außerhalb des Kontinents verband die (meisten) Europäer des Mittelalters der Glaube an den einen Gott, der mit Bezug auf die Bibel sogar als der gemeinsame Gott Abrahams angesprochen werden konnte. Diese Feststellung gilt auch dann, wenn man die berechtigten Einwände der Religionswissenschaft und Theologie einbezieht, dass polytheistische Glaubenselemente und Rituale auch unter der Dominanz von "Buchreligionen" fortleben, so in der Dreifaltigkeitslehre, im Heiligenkult, in der Praxis der Magie oder im Dämonenglauben. Im Unterschied zum Polytheismus, der Mythen begünstigt, bringt der Monotheismus Dogmen hervor; zugleich stiftet aber auch die Negierung der vielen Götter durch den einen Gott keine Einheit der Welt, sondern lässt die Differenzen deutlich hervortreten. Der Eingottglaube führt daher nicht notwendig zu religiöser Gewalt, wie oft behauptet wird, sondern ist zugleich die Möglichkeitsbedingung der Toleranz.

Gewiß dürfen die Gegensätze, Konflikte und gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen den monotheistischen Religionen der Juden, Christen und Muslime nicht bagatellisiert werden; diese haben geradezu "Konfrontationskulturen" (A. Funkenstein) in Europa gestiftet.2 Doch fanden Mehrheiten und Minderheiten stets auch theologische oder rechtliche Grundlagen einer Koexistenz. So genossen Christen und Juden unter muslimischer Herrschaft (in Europa etwa in al-Andalus, Unteritalien, bei den Wolgabulgaren und unter den Osmanen) prinzipiell die bevorzugte Rechtsstellung der Buchreligionen. Die Juden in ihrer Diaspora wurden von den Christen nicht nur geduldet, sondern ihnen kam nach der Lehre des Kirchenvaters Augustinus sogar heilsgeschichtlicher Rang zu. Christen konnten Juden zwar vertreiben oder misshandeln, durften sie aber nach kirchlicher Lehrmeinung weder zwangsweise bekehren noch töten. Allein im Verhältnis von christlicher Herrschaft zu muslimischer Minorität scheint ein elaboriertes Konzept des Zusammenlebens gefehlt zu haben. Wo es jedoch möglich war, arrangierten sich beide Gruppen in einem "Alltag der kulturellen Anleihe" (M. Toch). Unübersehbar – und längst bekannt – sind daneben die Vermittlung antiker und orientalischer Wissenschaft sowie fernöstlicher Technik durch Muslime und Juden an Lateineuropa.

Die Integration prinzipiell unverträglicher Religionen und Kulturen konnte zwar zu sektoralen Einheiten führen, nie und nirgends aber zu einer vollendeten europäischen Ganzheit. Wo der Zwang zur Anpassung übersteigert wurde – etwa im hohen Mittelalter bei der "Verdichtung" der werdenden christlichen Nationalmonarchien des westlichen Europa bzw. beim päpstlichen Zentralismus – entstanden durch die Ausbildung ungewöhnlich erfolg- und variantenreicher Häresien bald neue Differenzen. Integration und Desintegration scheinen sich in der europäischen Geschichte häufig gegenseitig stimuliert zu haben und führten zu Brüchen und Modernisierungsschüben, wenn auch nicht immer und überall in gleichem Maße.

Das abendländische, "lateinische" Mittelalter selbst ist keineswegs eine Einheitskultur gewesen, auch wenn es in der Öffentlichkeit und teilweise gar in der Wissenschaft so wahrgenommen wird. Dies gilt ebenso für die anderen europäischen "Großkulturen", also die byzantinisch-orthodoxe oder die muslimische Welt. Alle waren bestimmt von Zeichen- und Sinnsystemen verschiedenen Ursprungs, die zu Konstruktionen des Eigenen und des Fremden bzw. Anderen führten. Ohne die damit verbundenen Wahrnehmungen, Wertsetzungen und Verhaltensnormen zu studieren, können die Mechanismen von Integration und Desintegration Europas in seiner mittelalterlichen Geschichte nicht ausgemacht und aufgezeigt werden.

Die klassischen mediävistischen Disziplinen konzentrieren sich, auch wo sie die späteren Nationalsprachen zum Gegenstand haben, auf das lateinische Mittelalter und die diesem Raum entsprechenden Nationalgeschichten mit ihren volkssprachlichen Überlieferungen. Sie haben besonders seit dem 19. Jahrhundert Überragendes geleistet und müssen ihre erfolgreiche Arbeit selbstverständlich weiterführen.3 Die Gegenwartserfahrung eines Europa mit seiner kulturellen und auch religiösen Vielfalt und dem Abbau nationalstaatlicher Prärogativen zwingt jedoch dazu, über Ergänzungen und Alternativen des Bewährten nachzudenken. Mediävistik darf nicht in Ideologieverdacht geraten, indem sie einer einzigen, wenn auch bedeutenden europäischen Kultur zu einer historischen Rechtfertigung verhilft. Ähnliches (nicht Gleiches) gilt auch von den anderen Fachwissenschaften, die sich mit religiös geprägten mittelalterlichen Kulturen befassen, insbesondere für die Byzantinistik und die mittelalterliche Osteuropageschichte, welche die Kultur des orthodoxen Christentums erforschen, für die Islamwissenschaften und die Judaistik.

Heute müssen diese und andere Fächer, die sich mit dem europäischen Mittelalter von Irland bis zur Rus', von Island und Norwegen bis al-Andalus, Sizilien und Konstantinopel befassen, neue Formen einer integrativen und transdisziplinären Zusammenarbeit entwickeln und erproben. Dabei geht es keinesfalls um die Erfindung eines neuen Megafachs "Mittelalterkunde", dem die jeweils besonderen Traditionen und die wissenschaftlich gut begründeten besonderen Aufgaben der Einzeldisziplinen entgegenstünden.

Transkulturelle Mittelalterforschung wird in Deutschland bisher noch kaum systematisch betrieben. Wo "Mediävistik" als Fächerverbund verstanden wird, denkt man zumeist an lateineuropäisch ausgerichtete Disziplinen. Hier wurden in neuerer Zeit zahlreiche Studien zur politischen Großgruppenbildung im mittelalterlichen Europa4, zum Vergleich der Kulturen wie zu europäischen Entwicklungsunterschieden5, zur Begriffsbildung und zu Wahrnehmungsstrategien vorgelegt6. Bei aller spezialisierten Einzelforschung ist freilich das Ende der älteren nationalgeschichtlichen Forschungsperspektiven unübersehbar. Ein erster Versuch im interkulturellen Gespräch zwischen Mittelalterhistorikern, Byzantinisten, Judaisten, Islamwissenschaftlern und Osteuropahistorikern wurde im Jahr 2000 auf dem Aachener Historikertag unternommen; das Interesse der Vertreter verschiedener Fächer und die Resonanz im Auditorium (und auch in der Presse) waren so überraschend groß, daß auf ein latent vorhandenes Bedürfnis nach weiterer Kooperation geschlossen werden muß. Die Aachener Referenten wünschten ausdrücklich eine Fortführung des Dialogs.6

Der wichtigste Weg kulturwissenschaftlicher Forschung im Sinne des beantragten Schwerpunktprogramms ist der Vergleich. Obwohl er schon vor 75 Jahren durch den französischen Mittelalterhistoriker Marc Bloch gefordert wurde und zum ältesten methodischen Bestand der Philologien gehört, sind nachhaltige Anstrengungen, diesen Weg zu gehen, bisher weitgehend ausgeblieben, nicht nur in Deutschland, sondern auch international.8 Vergleichende Forschung leistet zweierlei: Sie ermöglicht einerseits die Erkenntnis des Einzelnen und die Einsicht ins Besondere und erlaubt andererseits die Generalisierung von Urteilen in einer jeweils verschiedenen Reichweite. Nur der Vergleich ist in der Lage, das empfindliche Gleichgewicht von Einheiten und Differenzen der europäischen Geschichte und Kulturen zur Darstellung zu bringen. Zur Selbstvergewisserung der internationalen Lage in der Geschichtswissenschaft diente hierbei ein 1999 an der Humboldt-Universität durchgeführter Kongress9; eine in Berlin etablierte, erfolgreich gestartete Schriftenreihe ist dem gleichen Anliegen gewidmet10.

Ein Kennzeichen der gegenwärtigen Forschungslage sind auch Versuche historiografischer Synthesen und essayistische Zugriffe auf Europa "im Ganzen". Für die Spätantike und das Frühmittelalter bzw. die Zeit des hohen Mittelalters wurden in den letzten Jahren europahistorische Darstellungen vorgelegt, die sich nicht mehr auf das "Abendland" beschränken, sondern komparatistisch Byzanz, die slawische Welt und die islamischen Regionen des Kontinents einbeziehen.11 Andererseits wurde der europäische Okzident auf den Spuren Max Webers im universalen Vergleich mit den arabischen Ländern sowie mit China konfrontiert.12 Englische und französische Gelehrte, deren eigentliche Arbeitsgebiete die lateinische Überlieferung des Mittelalters ist, legten gleichzeitig bemerkenswerte Abhandlungen über die philosophische und theologische Überlieferung des Islam vor.13 Gleichwohl können die Leistungen einzelner Autoren aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass für die Fragen der kulturellen Integration und Desintegration Europas im Mittelalter die Kompetenzen der Fachleute, also der Einzeldisziplinen, gebündelt und im Dialog mit anderen ausgebaut werden müssen. Schon die sprachlichen Anforderungen, die sich bei einem umfassenden Studium des europäischen Mittelalters stellen, können nur wenige Einzelforscher/innen erfüllen. Das Gleiche gilt in noch höherem Maße für die Kenntnisse der besonderen Überlieferung und historischen Umstände. Europas Geschichte und Kulturen werden sich im Ganzen nur dann erfassen lassen, wenn es zu einem interdisziplinären Gespräch aller betroffenen Fächer kommt. .

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2.2 Wissenschaftliche Ziele

Die gegenwärtigen Prozesse europäischer Politik stellen ein Novum in der Geschichte dar. Dabei geht es um die politische Einigung des Kontinents, die eine Bestimmung der Grenzen und auch der "Identität" Europas erfordert – um Aufgaben und Fragen also, die bisher noch nie ausdiskutiert und bis an die Schwelle eines Konsenses geklärt werden mussten.

Was können die Fächer, die sich mit der älteren Geschichte Europas befassen, zu dieser Suche um zukunftsweisende Lösungen beitragen? Sie können versuchen zu ermitteln, in welchem Maße, auf welchen Feldern und mit welchen Mitteln schon in der Vergangenheit europäische Integrationsprozesse erfolgreich waren, aber auch, wo und warum sich Entzweiungen vollzogen haben. Die Ergebnisse solcher Forschungen ergeben zwar keine unmittelbaren Grundlagen für politisches Handeln in der Gegenwart, sie könnten aber die Sensibilität für Chancen und Schwierigkeiten der politischen Einigungsversuche schärfen und die damit verbundenen Risiken besser beherrschbar machen. Im Schwerpunktprogramm geht folglich nicht um die Begründung europäischer Identität mit den Mitteln historischer Erkenntnis, sondern um eine Problematisierung der Einheit Europas aus historischer Sicht.

Signifikante Unterschiede zwischen Konzepten der Gegenwart und Wirklichkeiten der Vergangenheit zeigen sich in der Frage der Außengrenze. Zu Recht wurde darauf hingewiesen, dass Europa im Mittelalter weiterhin durch die Traditionen der antiken Mittelmeerwelt geprägt wurde, so dass von einem euromediterranen Raum gesprochen werden muss. Obgleich der Islam das (lateinische) Christentum bis zum 12. Jahrhundert aus Nordafrika verdrängte, trennte das Mittelmeer Europa niemals endgültig von Afrika und dem Nahen Osten.14 Muslimische Partikularherrschaften stellten bis ins 13. Jahrhundert, in Resten bis zum Ausgang des Mittelalters, Verbindungen oder Brücken zu arabischen Kernregionen des Islam her; umgekehrt verknüpften die Kreuzritter das Abendland mit Syrien, Palästina und Ägypten. Im Osten erstreckten sich die christlichen Reiche von Byzanz und Moskau stets über Europa hinaus nach Asien (und Afrika), und ebenso verhielt es sich mit der "Goldenen Horde" der Mongolen und dem Reich der türkischen Osmanen. Südosteuropa wie auch die nordpontische Steppe waren im ganzen Mittelalter nicht nur Einfalltore nomadischer Völker, die die Reiche sesshafter Siedler bedrohten, sondern zugleich Transmissionsgebiete griechisch-arabischer und auch fernöstlich-indischer Gelehrsamkeit und technischer Innovation.

Forschungen, welche die europäische Einigung problematisieren (diese dabei aber als Aufgabe nicht in Frage stellen), könnten also aufweisen, dass eine rigorose Abgrenzung Europas nach außen der historischen Erfahrung (und Erfolgsgeschichte) der Europäer entgegensteht. Sie werden sich aber auch auf Begegnung und Auseinandersetzung einer Pluralität von Kulturen in Europa selbst konzentrieren, die transeuropäische Wurzeln hat. Es ist offensichtlich, dass die europageschichtliche Fragestellung des geplanten Schwerpunktprogramms nicht von den Nationalgeschichten ausgehen und sich auch nicht auf die Agenda der mediävistischen Einzelfächer beschränken kann. Sucht man nach größeren Einheiten als Völkern, Stämmen und Nationen, die sowohl innerhalb Europas als auch darüber hinaus geschichtliche Wirkung entfaltet haben, dann bieten sich vor allem die gemeinschaftsbildenden Religionen samt ihrem institutionellen Niederschlag, den Kirchen, an.

"Religion" kann im Sinne von Clifford Geertz als kulturelles System verstanden werden.15 Im Vergleich zu anderen kulturellen Systemen, etwa "Politik", "Ökonomie" oder auch "Recht", war die Religion in der Vormoderne eine Ausprägung von "Kultur", die das Denken, Kategorisieren, Handeln und den sinnhaften Aufbau der Welt bei den mittelalterlichen Menschen gewiss am stärksten geleitet hat. Diese erfuhren ihre Religion zweifellos als real und nahmen deshalb auch die Existenz anderer Religionen sensibel wahr. Bei der Frage nach der Integration und Desintegration der Kulturen in der Geschichte Europas ist deshalb vom Nebeneinander verschiedener Religionen auszugehen, die die polytheistischen Gentilreligionen mit deren Tendenz zum Lokalismus und Regionalismus zurückdrängten, ohne sie je gänzlich zu überwinden. So lassen sich die monotheistischen Religionen sich als ein europäischer Integrationsfaktor ersten Ranges erkennen, ohne dass eine von ihnen Europa jemals ganz dominiert hätte. Zugleich muss stets berücksichtigt werden, dass Religion nur eines von mehreren Sinnsystemen sozialer Großgruppen darstellt; andere Systeme, wie etwa die Sprachen, integrieren und segregieren Gruppen auf andere Weise.

Es fragt sich deshalb, in welchem Maße religiöse Differenz das Bewusstsein einer fundamentalen Differenz stimulierte. Fragen der religiösen Praxis selbst konnten den Monotheismus ebenso entzweien wie einen, denn der gemeinsamen Herkunft von Abraham waren sich Juden, Christen und Muslime durchaus bewusst. Unterschiedliche Überlieferungen waren nicht nur Ursache unaufhörlichen, oft tödlichen Streites, sondern auch Ausgangspunkt für Anleihen und Gemeinsamkeiten.

Aus diesem Befund ergibt sich eine zentrale Aufgabe des Schwerpunktprogramms: Es will ergründen, wo religiöse Gegensätze weiterreichende lebensweltliche Differenzen gestiftet und wo Gemeinsamkeiten jenseits religiöser Differenzen zu europäischen Integrationen beigetragen haben.

Überall dort, wo sich die Angehörigen verschiedener Religionen begegneten oder wo sie sich mit diesen intellektuell auseinandersetzten, besteht eine besonders gute Chance, Integrations- und Desintegrationsprozesse der Kulturen im mittelalterlichen Europa studieren zu können. Das Schwerpunktprogramm trägt dem dadurch Rechnung, dass es Forschungsprojekte aus unterschiedlichen kulturellen Bereichen, der abendländischen Welt, aus der byzantinischen bzw. russischen Orthodoxie, aus dem Judentum und dem Islam aufeinander bezieht. .

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2.3 Arbeitsprogramm

Durch seine Vernetzung von über zwanzig Einzelprojekten aus unterschiedlichen Disziplinen, die von jungen Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern weitgehend eigenverantwortlich betrieben werden, ist das Schwerpunktprogramm ein ungemein dynamischer Forschungsverbund. Dies spiegelt sich in seiner Struktur wider, die sich den inhaltlichen und methodischen Herausforderungen transdisziplinären Arbeitens anzupassen versucht.

In der ersten Laufzeithälfte von 2005 bis 2008 gliederten sich die Einzelprojekte in drei Arbeitsforen, die verschiedene Aspekte der Integration und Desintegration der Kulturen im europäischen Mittelalter untersuchten. Ein erster Projektbereich A widmete sich dem Thema "Wahrnehmung und Akzeptanz der Differenzen. Die Identifikation des Eigenen, des Fremden und des Anderen im europäischen Geschichtsprozess". Der zweite Projektbereich B war demgegenüber mit "Der Umgang mit Differenzen durch Begegnung und Austausch, Anpassung und Seitenwechsel, Gewalt und Recht" überschrieben. Da neben Fragen der Beziehungsgeschichte von Kulturen auch Ursachen für die Differenzen und den Chancen für deren Überwindung nachgegangen werden sollte, arbeiteten die Projektbearbeiter im Bereich C zum Thema "Auf der Suche nach den Ursachen für Ausgleich und Entzweiung im mittelalterlichen Europa. Transkulturelle Vergleiche". Die Erträge dieser transdisziplinären Arbeit der ersten Laufzeithälfte sind im ersten Ergebnisband nachzulesen, der im Februar 2008 unter dem Titel „Mittelalter im Labor“ erschienen und auch als Online-Publikation einzusehen ist (Link).

Im März 2008 präsentierte sich das Schwerpunktprogramm darüber hinaus der Fachöffentlichkeit auf einer International Spring School in Villigst/Schwerte, die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus aller Welt in Workshops und Plenarvorträgen zusammenführte (Link).

In der zweiten Laufzeit des Schwerpunktprogramms 2008-2011 wird die Methode des Vergleichs noch stärker als bereits in den ersten drei Jahren in den Mittelpunkt gestellt. Da das Gelingen des Vergleichs einen intensiven Austausch der Beteiligten erfordert, wurden die Einzelprojekte für den Bearbeitungszeitraum 2008-2011 in sieben transdisziplinären Arbeitsgruppen organisiert, die jeweils maximal vier Personen sowie aber mindestens zwei Fächer vereinen. Diese Arbeitsgruppen setzen sich ein Thema, das sie vergleichend erforschen werden. Eine solche Aufgliederung der Einzelprojekte soll freilich die Kooperation der Projekte aus verschiedenen Gruppen nicht einschränken oder gar unterbinden. Im Gegenteil lässt der thematische Zuschnitt der Vorhaben meist mehrere "Überkreuzverbindungen" zu, die eine lebendige und inspirierende Diskussionskultur fördern.

Das Schwerpunktprogramm führt jährlich eine Plenarveranstaltung durch, an der alle Projektbearbeiter/innen und Projektbetreuer/innen teilnehmen. Zusätzlich tauschen sich die Arbeitsgruppen auf halbjährlichen Gruppentreffen aus und entwickeln dort ihre Fragestellung sowie ihren methodischen Zugriff. Der wissenschaftliche Nachwuchs, der die Projekte im wesentlichen trägt, wird so in die Lage versetzt, Tagungen selbständig zu planen bzw. durchzuführen und dabei neue Arbeitsformen fachübergreifender Verbundforschung in Sommerschulen und Intensivseminaren zu entwickeln. Für den beständigen Austausch der Mitglieder wurde ein Intranet eingerichtet sowie die von der Online-Enzyklopädie Wikipedia her bekannte Software für wissenschaftliche Zwecke angepasst und in ein Schreibprogramm umgewandelt, das das Verfassen von Texten in intensiver Zusammenarbeit erleichtert.16

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3. Zusammenfassung

Das SPP versteht sich als Experimentierfeld für eine transkulturelle Mittelalterforschung, zu der die mit einer besonderen Kultur befassten Fächer ohne Preisgabe ihrer traditionellen Agenda und methodischen Errungenschaften in Kooperation mit anderen beitragen und sich in dieser Kooperation methodisch entwickeln bzw. verändern. Das Ziel liegt in der genaueren Erkenntnis eines pluralistisch aufgefassten europäischen Mittelalters durch beziehungsgeschichtliche und komparative Studien. Durch die Vernetzung einer erweiterten Gruppe mediävistischer Einzelfächer wird es die internationale Konkurrenzfähigkeit jedes einzelnen Fachs und der deutschen Mediävistik im ganzen stärken. Die leitende Fragestellung, die neuen wissenschaftlichen Partnerschaften und die Dynamik des interkulturellen Ansatzes wird das SPP selbst zu einem Kontaktfeld europäischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler machen und den Zusammenfluss mit anderen nationalen Forschungstraditionen im Rahmen der Europäischen Union befördern.

 

Liste der Projekte, Projektbearbeiter und Projektbetreuer in der zweiten Bewilligungsphase 2007-2009

 

 

1 Vgl. Michael Borgolte, Die Anfänge Europas oder Europas Anfänge im Mittelalter, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 55 (2007), S. 205-219.
2 Vgl. neuerdings Jan Assmann, Die Mosaische Unterscheidung oder der Preis des Monotheismus, München/Wien 2003. Kritisch zu Assmann jetzt Michael Borgolte, Wie Europa seine Vielfalt fand. Über die mittelalterlichen Ursprünge für die Pluralität der Werte, in: Die kulturellen Werte Europas, hgg. v. Hans Joas/Klaus Wiegandt, Frankfurt am Main 2005, S. 117-163.
3 Vgl. Michael Borgolte, Vor dem Ende der Nationalgeschichten?, in: Historische Zeitschrift 272 (2001), S. 561-596; Ders., Mediävistik als vergleichende Geschichte Europas, in: Mediävistik im 21. Jahrhundert, hgg. v. Hans-Werner Goetz/Jörg Jarnut, München 2003, S. 313-323; Ders., "Europa ein christliches Land". Religion als Weltstifterin im Mittelalter?, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 48, 2000, S. 1061-1077; Nachdruck in: Was hat uns das Christentum gebracht? Versuch einer Bilanz nach zwei Jahrtausenden, hgg. v. Richard Schröder und Johannes Zachhuber, Münster/Hamburg/London 2003, S. 73-95.
4 Benedykt Zientara, Frühzeit der europäischen Nationen, Osnabrück 1997; Almut Bues/Rex Rexheuser (Hgg.), Mittelalterliche nationes - neuzeitliche Nationen, Wiesbaden 1995. Vgl. die Ergebnisse des in den 70er und 80er Jahren durchgeführten DFG-Schwerpunktprogramms NATIONES. Historische und philologische Untersuchungen zur Entstehung der europäischen Nationen im Mittelalter (9 Bde.), Sigmaringen 1975-1991.
5 Hartmut Kugler (Hg.), Interregionalität der deutschen Literatur im europäischen Mittelalter, Berlin/New York 1995; Peter Moraw, Über Entwicklungsunterschiede und Entwicklungsausgleich im deutschen und europäischen Mittelalter. Ein Versuch, in: Ders., Über König und Reich, hg. v. Rainer Christoph Schwinges, Sigmaringen 1995, S. 293-320.
6 Bernd Schneidmüller, Die mittelalterlichen Konstruktionen Europas, in: Heinz Duchhardt/Andreas Kunz (Hgg.), "Europäische Geschichte" als historiographisches Problem, Mainz 1997, S. 5- 24; Ders., Europäische Erinnerungsorte im Mittelalter, in: Jahrbuch für Europäische Geschichte 3 (2002), S. 39-58; Klaus Oschema, Der Europa-Begriff im Hoch- und Spätmittelalter, in: Jahrbuch für Europäische Geschichte 2 (2001), S. 191-235.
7 Vgl. Michael Borgolte (Hg.), Unaufhebbare Pluralität der Kulturen? Zur Dekonstruktion und Konstruktion des europäischen Mittelalters, München 2001, mit Beiträgen von Michael Toch, Ralph-Johannes Lilie, Tilman Nagel, Frank Kämpfer und János M. Bak.
8 Borgolte, Mediävistik als vergleichende Geschichte Europas (wie Anm. 2); zuletzt Ders. (Hg.), Stiftungen in Christentum, Judentum und Islam vor der Moderne. Auf der Suche nach ihren Gemeinsamkeiten und Unterschieden in religiösen Grundlagen, praktischen Zwecken und historischen Transformationen, Berlin 2005; Ders., Christen, Juden, Muselmanen. Die Erben der Antike und der Aufstieg des Abendlandes, 300 - 1400 n. Chr., im Druck (Siedler Geschichte Europas,Bd. 2).
9 Michael Borgolte (Hg.), Das europäische Mittelalter im Spannungsbogen des Vergleichs, Berlin 2001.
10 Michael Borgolte (Hg.), Europa im Mittelalter. Abhandlungen und Beiträge zur historischen Komparatistik, Bde. 1 ff., Berlin 1999 ff. (bisher sechs Bände, weitere in Druckvorbereitung).
11 Ernst Pitz, Die griechisch-römische Ökumene und die drei Kulturen des Mittelalters. Geschichte des mediterranen Weltteils zwichen Atlantik und Indischem Ozean 270-812, Berlin 2001; Michael Borgolte, Europa entdeckt seine Vielfalt 1050-1250, Stuttgart 2002; Hans-Werner Goetz, Europa im frühen Mittelalter 500-1050, Stuttgart 2003.
12 Michael Mitterauer, Warum Europa? München 2003.
13 Antony Black, The History of Islamic Political Thought, Edinburgh 2001; Alain de Libera, Denken im Mittelalter, München 2003.
14 Vgl. etwa Michael McCormick, Origins of the European Economy. Communications and Commerce, A. D. 300–900, Cambridge 2001.
15 Clifford Geertz, Religion als kulturelles System, in: Ders., Dichte Beschreibung, Frankfurt am Main 1983, S. 44-95.
16 Vgl. Michael Borgolte/ Daniel Burckhardt/Jens Eremie/Juliane Schiel, Mediävistik trifft Technik. Grenzerfahrungen einer ungewöhnlichen Begegnung zwischen den Disziplinen, in: humboldt spektrum 1/2008, 34–40.