"Von Petrus Alfonsi zu Alfonsus von Espina. Lateinische Integrations- und Desintegrationsprozesse in der christlich-muslimischen Begegnung und Wahrnehmung auf der Iberischen Halbinsel vom 12. bis 15. Jahrhundert im europäischen Kontext"
Bearbeiter: Dr. Matthias M. Tischler
Betreuer: Prof. Dr. Rainer Berndt (SJ)
Projektart: Habilitation in kath. Theologie
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Wenn es im Gesamtkontext des neu eingerichteten SPP um Integration bzw. Desintegration von Kulturen im Mittelalter geht, dann wird es über kurz oder lang auch eine Verhältnisbestimmung von Kultur zu Religion geben müssen. Unser Forschungsprojekt wird hierauf keine vorgestanzte Antwort liefern, sondern wird sie aus der inhaltlichen und methodischen Bestimmung der Einzelaspekte des Themas kontinuierlich entwickeln. Im Kontext unseres Arbeitsforums A "Wahrnehmung und Akzeptanz der Differenzen. Die Identifikation des Eigenen, des Fremden und des Anderen im europäischen Geschichtsprozeß" verspricht vor dem Hintergrund des gemeinsamen Zeitrahmens ,Hoch- und Spätmittelalter' die Komparation der wichtigsten Großräume rund um das Mittelmeer - Kleinasien, Levante, Nordafrika, Iberische Halbinsel sowie Süd- und Zentraleuropa - wechselseitige Anregungen und wichtige Schnittfelder. Welches sind die Gemeinsamkeiten, aber auch die Unterschiede in der Ausbildung und Anwendung der europäischen Geschichtsbilder vom ,Anderen' während der Vormoderne? Und welche Prägekraft haben sie darüber hinaus auf das Europa-Bild von heute? Wenn jüngere Fachvertreter der Geschichte, Theologie, Philosophie, Neuphilologie und Kunstgeschichte in gemeinsamer mediävistischer Perspektive, aber mit unterschiedlichem methodischen Ansatz die in christlich-lateinischer Wahrnehmung geformten westlichen bzw. östlichen Islambilder, das Orient- und das Türkenbild, ferner diverse Heidenbilder, Heiligenkonzepte, künstlerische Repräsentationen und Adelskonzepte diskutieren, dann wird nach einigen kleinsten gemeinsamen Nennern zu fragen sein: 1. Wie entstehen jeweils diese Bilder? 2. In welchem gesellschaftlichen, kirchlichen, politischen, kulturellen, regionalen und personalen Kontext entwickeln sie sich? 3. In welchem Zeitraum entfalten sie sich? 4. Auf welche anderen örtlichen und zeitlichen Räume strahlen sie aus? Legen wir dieses Frageraster an unser Teilprojekt an, dann ergibt sich, daß bei der Entstehung des abendländischen, d. h. christlich-lateinischen Islambildes, das anerkanntermaßen seine wesentliche Prägung in und durch den iberischen Begegnungs- und Erfahrungsraum erhalten hat, zunächst von Begegnung und dann erst von Wahrnehmung der beiden religiösen Systeme und ihrer Vertreter gesprochen werden sollte. In den Blick genommen ist hier der geographische Großraum zwischen Westeuropa und Nordafrika während der entscheidenden kirchlichen und weltlichen Formierungsphase zwischen dem 12. und 15. Jahrhundert in seiner Ausstrahlung auf das gesamte Resteuropa. Die iberische Provenienz der in unserem Projekt behandelten Texte und der europäische Kontext, in den sie einzuordnen sind, sind die zwei Seiten einer einzigen Medaille: Denn die in den Handschriften unseres Zeitraums zu fassende Textüberlieferung muß in diesem umfassenden geographischen Rahmen nach quantitativen wie qualitativen Kriterien bemessen werden, um das bislang meist nur aus den edierten Texten rekonstruierte Islambild dieses Raumes vollständig werden zu lassen. Tatsächlich verfügen wir bislang kaum über zuverlässige quantitative wie qualitative Bemessungsgrößen für die tatsächliche Bedeutung der iberisch-christlichen Textbeiträge im Spiegel ihrer re- und perzeptiven Wirksamkeit auf das abendländische Islambild. Dieses Gesamtbild gleicht gegenwärtig mehr dem über viele ähnlich hohe Gipfel schweifenden Panoramablick denn einem profilierenden Blick in die Tiefe der jeweiligen Täler zwischen den Bergen, da wir die zeitliche und örtliche Streuung der spezifischen Textüberlieferung bislang ebensowenig kennen wie die erst dadurch ermöglichten europaweiten Re- und Perzeptionsmöglichkeiten. Es gibt keine zuverlässige Rekonstruktion eines Bildes vom jeweils Anderen auf entkontextualisierter, d. h. der Textträger entledigter Grundlage.
Mit der Einsicht in die Notwendigkeit einer authentischen Textinterpretation ist auch das zentrale Problem unseres Forschungsprojektes unmittelbar angeschnitten: Wie bemißt man das Integrations- bzw. Desintegrationspotential von christlich-lateinischen Islamtexten? Sind die theologischen und philosophischen Texte dieser Tradition überhaupt geeignet, nach kulturellen und religiösen Prozessen von integrativem oder desintegrativem Verhalten befragt zu werden? Kann man also die Einbeziehung von zuvor außenstehenden Personengruppen in den Verbund einer größeren sozialen, religiösen oder kulturellen Gruppe oder in die gesamte Gesellschaft bzw. die Auflösung ihrer Integration durch Absonderung, Verfolgung oder Vertreibung mit diesen Texten derart in Bezug setzen, daß ein enges Wechselverhältnis von lebendiger Praxis und trockener Theorie wahrscheinlich wird? Eine befriedigende Lösung dieser Fragen wird nur möglich sein, wenn ein Textverständnis zum Tragen kommt, das unseren Betrachtungsgegenstand als kulturelles Zeichen deutet, d. h. in einem Text den jeweils erreichten Istzustand oder den angestrebten Grad an Integrationsleistung bzw. Desintegrationsabsicht erkennt, sofern dieses Textverständnis die umfassende Kontextualität eines Textes für die Deutung seiner Erzählstrategien und Argumentationsmuster fruchtbar macht. Jede Narrativierung im Zeitalter der handschriftlichen Überlieferung ist in den doppelten Kontext der äußeren wie inneren Textbezüge und -einflußnahmen eingebettet. Zur Entwicklung eines dieser komplexen Wechselbeziehung angemessenen doppelten Transfer- und Transformationskonzeptes wird die innere Prozeßhaftigkeit der den jeweiligen Wissensbereichen und ihren Texten, Werken und Gattungen innewohnenden Erzählstrategien und Argumentationsmuster mit dem mehrfachen äußeren Kontext von intellektuellen und religiösen Milieus, Überlieferungszeiten sowie Produktions- und Rezeptionsformen verschränkt. Aus narratologischer wie textsoziologischer Perspektive werden die Texte also nach ihrer externen (Träger, Adressaten, Bedingungen, Richtungen und Wege, Absichten und Funktionen, Wirkungen), temporalen (Anlässe), räumlichen (Orte) und handschrifteninternen Kontextualität (Medien und Formen) befragt. Die Vorstellung von ,Begegnung', ,Wahrnehmung' bzw. ,Dialog' soll dabei möglichst weit gefaßt bleiben, da nicht nur intendierte und reale, sondern auch virtuelle Gesprächspartner im Sinne einer Hintergrundfolie, sowohl echt geführte, dann literalisierte, wie auch fiktive Dialoge oder Gesprächs- bzw. Begegnungsangebote, sowie Zwiegespräche innerhalb der komplexen Struktur des religiösen Trialogs zwischen Vertretern von Christentum, Islam und Judentum zu erwarten sind. Dabei wird zu beachten sein, daß die jeweiligen Konfliktprozesse und -strategien, ihre Adaptionen, Veränderungen und Verbesserungen im wechselbezüglichen Kontext von innerchristlichen und innermuslimischen Entwicklungen und Umbrüchen zu sehen sind.
Die skizzierten lateinischen Transfer- und Transformationsprozesse sind dynamische Prozesse der Übertragung und Überformung von textlicher Begegnung und Wahrnehmung, die zwischen den christlichen Wissensbeständen Europas, des christlichen Orients und der islamischen Welt sowie den mozarabischen und römisch-christlichen Autoren der Iberischen Halbinsel, aber auch zwischen al-Andalus und den mozarabischen und römisch-christlichen Autoren dieses Raumes stattgefunden haben. Wir lassen uns hierbei von den folgenden beiden Kernthesen leiten:
- Die intellektuelle Auseinandersetzung mit dem wahrgenommenen Islam - ermöglicht vor allem durch Transfer und Transformation von arabischen Originaltexten der Philosophie und Theologie ins Lateinische - hat zu einem massiven Transformationsvorgang von Wissen und Methoden geführt, indem dieser seinerseits einen gewaltigen Transferprozeß von christlich-lateinischen Traditionsbeständen auslöste. Der Wandel des abendländischen Islambildes und die sich zunehmend nach Form, Inhalt und Methode differenzierenden Auseinandersetzungsstrategien mit dem wahrgenommenen Islam stehen in einem im jeweiligen Werkkontext näher zu analysierenden Interdependenzverhältnis.
- Diese Transfer- und Transformationsprozesse sind nicht allein auf desintegratives Handeln hin ausgelegt. Sie bergen auch die potentielle Chance auf Integration in sich, weil sie prinzipiell die Bereitschaft zur argumentativen Auseinandersetzung mit dem ,Anderen' voraussetzen, die nur durch ein vertieftes Wissen um diesen möglich ist. Insofern werden sich in unseren Texten durchaus Modelle integrativen wie desintegrativen Handelns erkennen lassen, wenn anhand von Themenstellung, Vokabular und Gedankenführung deutlich wird, ob die Autoren eine kreative Neuschöpfung des religiösen und kulturellen Ganzen durch den Einbezug der Werte und Kultur der außenstehenden religiösen Personengruppe in die neue Gesellschaftsordnung unter größtmöglichem Erhalt der fremden ,Identität' verfolgen oder lediglich eine reine Assimilation an die bereits bestehenden gesellschaftlichen, religiösen und kulturellen Gesamtbedingungen anstreben.
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Letzte Änderung am 9. November 2005
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