"Die Kunstpraxis der Mendikanten als Abbild und Paradigma interkultureller Transferbeziehungen in Zentraleuropa und im Kontaktgebiet zu orthodoxem Christentum und Islam"

 

Betreuer: Prof. Dr. Carola Jäggi (Erlangen) / Prof. Dr. Klaus Krüger (Berlin, FU)
Bearbeiter: Dr. Margit Mersch (Göttingen) / Dr. Ulrike Ritzerfeld (Münster)

Die zentrale Frage unseres Projekts zielt auf die Rolle der Bettelordenskunst im Prozess von Integration und Desintegration, von Homogenisierung bzw. Pluralisierung der europäischen Kulturen des Mittelalters. Dabei setzen wir einerseits voraus, dass Europa als ein Konglomerat von verschiedenen Kulturen, Religionen, Herrschaftsformen und nur inklusive seiner über die Randgebiete v.a. nach Osten hinausreichenden Kommunikations-, Wirtschafts- und Kulturbeziehungen verstanden werden kann, andererseits, dass das Medium bzw. die Medien der Kunst die jeweiligen Kultur- und Macht-Beziehungen bewusst oder unbewusst manifestieren, mitformen und für die Zeitgenossen wie auch noch für uns „lesbar“ machen. Deshalb interessieren uns insbesondere die multikulturell bzw. multireligiös geprägten Regionen des Mittelmeerraums. Anhand von exemplarischen Einzeluntersuchungen ausgewählter Bau- und Bildkunstwerke in Süditalien, Istanbul, Griechenland, Zypern und Südspanien soll ein breites Spektrum an interkulturellen bzw. interreligiösen Kontaktsituationen auf die mendikantischen Praktiken der Abgrenzung, Anpassung, Repräsentation und Einflussnahme sowie ihre Auswirkungen und Resonanzen hin untersucht werden. Abschließend werden die Ergebnisse aus den interreligiösen Kontaktzonen im Zusammenhang mit der Kunstpraxis der Mendikanten in Zentraleuropa in einer komparatistischen Studie verarbeitet, die systematische und strukturelle Zusammenhänge in den Entwicklungen der mendikantischen Kunstpraxis in unterschiedlichen Kulturregionen und damit Möglichkeiten und Grenzen der symbolischen Kommunikation und des Kulturtransfers zwischen den Bettelorden und ihrer jeweiligen Klientel verdeutlichen soll.

Entstehung und Tätigkeit der Bettelorden stehen in einem Spannungsfeld von gesellschaftlichem Wandel, sozialer Krise, Herrschaft, Opposition und (Re-)Integration. Im Laufe des 12. und 13. Jahrhunderts hatten Bevölkerungswachstum, das Aufkommen neuer städtischer Oberschichten, die Intensivierung der Geldwirtschaft, die Zunahme an Mobilität etc. zu Verunsicherung, zu Kritik an den weltlichen wie kirchlichen Machtverhältnissen und zur Suche nach angemessenen christlichen Lebensformen geführt. Die Bettelorden, zuvörderst Franziskaner und Dominikaner, waren zugleich Teil dieser religiösen Bewegung und Antwort auf sie. Gefordert wurde eine Rückkehr zu apostolischen Werten wie Armut, Buße und Verkündigung des Wortes Gottes - analog zu den Zielen der heterodoxen Zweige der Bewegung, welche durch die Seelsorge der Predigermönche und durch Aufnahme in die Orden wieder in die Hierarchie der Kirche (und der Gesellschaft) integriert werden sollten. (Re-)Integration und Expansion bzw. Mobilität waren von Beginn an programmatische Grundbestandteile mendikantischen Wirkens.

Bedenkt man die explosionsartige Ausbreitung insbesondere der Franziskaner und Dominikaner, die zwischen den 30er Jahren und dem Ende des 13. Jahrhunderts mehr als 2000 Niederlassungen gründeten und mit Kirchen- und Klostergebäuden ausstatteten, dann muss man davon ausgehen, dass sich das Erscheinungsbild so gut wie aller europäischen Städte und die Lebenswelt der Stadtbewohner in jener Zeit durch die Tätigkeit der Bettelorden in charakteristischer Weise veränderte. Allein schon Quantität und Ubiquität der Mendikanten setzten in ihrer integrativen Wirkung neue Standards; darüber hinaus prägten funktional und stilistisch neuartige Bau- und Kunstformen neue visuelle und räumliche Erfahrungen der Zeitgenossen. Aber gerade aufgrund ihrer selbstgewählten und von Päpsten und Bischöfen geförderten Aufgabe der Integration von Kirchenkritikern, Anders- und Ungläubigen in die lateinische Kirche standen die Niederlassungen jeweils konkret in komplexen regionalen politischen Zusammenhängen und waren nicht zuletzt aufgrund ihrer Besitzlosigkeit entsprechender Einflussnahme ausgesetzt. Dies konnte zu desintegrativen Prozessen etwa in Form einer Polarisierung der Bevölkerung führen. Polarisierend wirkten insbesondere antisemitische Polemik und Kreuzzugspropaganda in den mendikantischen Predigten und selbst in der Missionspraxis wählten v.a. die Franziskaner oft Provokationsstrategien.

Sowohl Franziskus als auch Dominikus legten den Schwerpunkt ihrer Zielsetzung auf die Verbreitung des Evangeliums unter Gläubigen wie Ungläubigen. Dieser Grundgedanke einer universellen Mission innerhalb der Christenheit und über ihre Grenzen hinaus erforderte individuelle Mobilität, institutionelle Expansion und eine konsequente Öffnung zur irdischen Welt mit offensiver Kontaktaufnahme zu anderen Kulturgruppen.

Für Franziskaner und Dominikaner waren anfangs auch die europäischen Länder außerhalb ihrer Ursprungsgebiete in Frankreich und Italien weitläufige und fremdartige Missionsgebiete, die sie ab 1221 bereisten und organisatorisch in Provinzen und Kustodien einteilten. Dabei orientierten sie sich zumindest in Zentraleuropa nicht an politischen Grenzen oder Kirchensprengeln, sondern an sprachlich-kulturellen Prägungen. Aus der Bekämpfung der Häresie erwuchs die zentrale Rolle insbesondere der Dominikaner in der päpstlichen Inquisition, die sowohl mit Herrschaftsinteressen als auch mit missionarischen und pastoralen Anliegen verbunden war. Mit der Reconquista in Spanien, mit der Einnahme des Heiligen Landes und der Zerschlagung des Byzantinischen Reiches im Gefolge der Kreuzzüge eröffneten sich den Bettelorden neue Aktionsräume an der Peripherie des Abendlands. Unter dem Schutz der westlichen Herrscher gründeten sie bald schon Niederlassungen in den eroberten Gebieten, besetzten Bischofssitze und installierten Studienhäuser mit dem Schwerpunkt des Arabisch- und Griechischunterrichts zu Zwecken der Mission unter Muslimen und orthodoxen Christen. Hinsichtlich der Problematik des west-östlichen Kulturkontakts zur Zeit der Kreuzzüge wurde die besondere Rolle der Bettelorden in der missionarischen, pastoralen und administrativen Struktur der Kreuzfahrerstaaten lange Zeit vernachlässigt. Analog zur vorherrschenden Meinung, dass sich in den Kreuzfahrerstaaten zwar eine multikulturelle Gesellschaft herausbildete, deren arabisch-islamischer Anteil jedoch gering ausfiel, geht man derzeit auch in Bezug auf die so genannte "Heidenmission" davon aus, dass sich die Bettelorden zwar aufgrund ihrer organisatorischen Kompetenzen in den Missionsgebieten und generell in fernen und fremden kulturellen, sozialen und religiösen Umfeldern behaupteten, dass sie aber speziell ihren Anspruch auf eine Bekehrung der Muslime nicht erfüllen konnten.

In eigenartigem Gegensatz zu der negativen Beurteilung des Kulturaustausches, die die schriftlichen Quellen nahe legen, steht das Bild, das aus der Überlieferung der materiellen Kultur gewonnen wurde und das von einer regen Rezeption lokaler Traditionen in der Kreuzfahrerkunst wie auch von einer Beeinflussung der lokalen Kunsttraditionen durch die "westlichen" Formen und Techniken zeugt. Die Klärung der Frage, wie intensiv die Kommunikation zwischen Lateinern, Griechen und Arabern und wie durchlässig die kulturellen Schranken tatsächlich waren, bleibt deshalb weiterhin ein Desiderat interdisziplinärer Forschung. Für diesen Themenkomplex kann die kunsthistorische Forschung zusätzliche Gegenstandsbereiche und neue methodische Perspektiven erschließen.

Unser Forschungsprojekt betrachtet Bildwerke und Bauwerke als Dispositive, in denen sich die kulturelle Kommunikation zwischen den Mendikanten und ihren Zielgruppen im Zentrum und an der Peripherie des spätmittelalterlichen Europas konkretisiert. Es beabsichtigt die Klarlegung des Beitrages, den religiöse Orden eben mittels dieser Dispositive zur Integration oder zur Desintegration, zur Homogenisierung oder zur Pluralisierung der europäischen Kultur des Mittelalters leisteten. Das Vorhaben stellt sich die Frage, in wie weit religiöse Orden auf die Etablierung neuer Wertsysteme und Verhaltensnormen mit konkreter Auswirkung auf die politische, ökonomische und soziale Situation zuarbeiteten, welchen Anteil sie an der gesellschaftlichen, religiösen und kulturellen Konstruktion des Eigenen wie des Fremden/Anderen hatten, und wie sich diese Ansprüche in Werken der Architektur und bildenden Kunst manifestierten.

Nicht nur im Hinblick auf die Zusammenarbeit im Schwerpunktprogramm, sondern auch intern durch seine historischen, architekturhistorischen und kunsthistorischen Fragestellungen und Methoden ist unser Projekt interdisziplinär ausgerichtet und besteht aus den beiden Teilbereichen "Architektur", vertreten durch Prof. Dr. Carola Jäggi und Dr. Margit Mersch, Erlangen, und "Bildkunst", vertreten durch Prof. Dr. Klaus Krüger und Dr. Ulrike Ritzerfeld, Berlin (FU). Das gesamte Projekt ist für eine Dauer von sechs Jahren konzipiert. Die beiden Schwerpunktbereiche sind an unterschiedlichen methodischen Anforderungen ausgerichtet; auch der divergierende Forschungs- bzw. Überlieferungsstand in Architektur- und Kunstgeschichte legt teilweise unterschiedliche Vorgehensweisen in den beiden Projektbereichen nahe. Umso wichtiger ist uns die Verschränkung der beiden Bereiche, die nicht nur in der gemeinsamen Fragestellung und inhaltlichen Ausrichtung der Arbeitshypothesen besteht, sondern auch in einer gemeinsamen interdisziplinären Forschungspraxis direkt an den Objekten vor Ort.

Anhand von exemplarischen Einzeluntersuchungen ausgewählter Bau- und Bildkunstwerke in Süditalien, Istanbul, Griechenland, Zypern und Südspanien soll ein möglichst breites Spektrum an interkulturellen bzw. interreligiösen Kontaktsituationen auf die mendikantischen Praktiken der Abgrenzung, Anpassung, Repräsentation und Einflussnahme sowie ihre Auswirkungen und Resonanzen hin untersucht werden. Hier geht es um zwei Untersuchungsbereiche, die wir nach einander bearbeiten: den Kontaktbereich der römisch-lateinischen Christen zum orthodoxen Christentum und den Kontaktbereich zum Islam. Zwar überschneiden sich beide im Hl. Land (und natürlich auch im hochmittelalterlichen Sizilien –

vor der Zeit der Mendikanten), doch sind im Raum Syrien/Palästina nicht genügend spätmittelalterliche Bau- und Kunstdenkmäler aus dem unmittelbaren Umkreis der Bettelorden erhalten, die eine Bearbeitung dieser Region im Rahmen unseres Projektes rechtfertigen würden. Deshalb untersuchen wir zunächst den Kontaktbereich zum orthodoxen Christentum in der griechischen Enklave des süditalienischen Salento, in der lateinischen Enklave in Konstantinopel bzw. Pera, in den feudaladeligen Kreuzfahrerreichen Achaia (Peloponnes) und Zypern sowie in den protokolonialen venezianischen Herrschaften auf Euböa und Kreta. Den Kontaktbereich zum Islam hingegen nehmen wir am Beispiel der südspanischen Regionen Murcia und Andalusien in der Zeit nach der Reconquista in den Blick. Die zunächst in Form von exemplarischen Einzeluntersuchungen erarbeiteten Ergebnisse werden abschließend in einer komparatistischen Studie zusammengeführt, die systematische und strukturelle Zusammenhänge in den Entwicklungen der mendikantischen Kunstpraxis in unterschiedlichen Kulturregionen und damit Möglichkeiten und Grenzen der symbolischen Kommunikation und des Kulturtransfers zwischen den Bettelorden und ihrer jeweiligen Klientel verdeutlichen soll.

Laufende Arbeiten, erste Ergebnisse:

Am Beginn der ersten Laufzeit unseres Projekts stand eine Aufarbeitung der Architektur und Bildkunst der Franziskaner und Dominikaner in ihren Kernlanden, insbesondere in Mittelitalien, um eine methodische und materielle Basis für die im Laufe der weiteren Arbeit zu ziehenden Vergleiche mit ihrem Wirken und ihrer Kunst in der Fremde zu erstellen. Auf den gewonnenen Erfahrungen aufbauend richtete sich unser Blick anschließend auf die Verhältnisse in Apulien und Istanbul/Pera, zwei „hotspots“ religiöser und kultureller Diversität (Regionen mit lateinischen, griechisch-ostkirchlichen, jüdischen und muslimischen Bevölkerungsanteilen), die verschiedene Konstellationen interkulturellen Kontakts verkörpern. Die spätmittelalterliche Grecìa Salentina im südlichen Apulien, und hier insbesondere das Beispiel Galatina mit seiner architektonisch außergewöhnlichen und reich mit Fresken ausgestatteten Franziskanerkirche S. Caterina, bot die Situation einer bereits seit Jahrhunderten etablierten bireligiösen und bilingualen Regionalkultur. Während „Lateiner“ und „Griechen“ hier mehr oder weniger spannungsreich mit- und nebeneinander lebten, basierten die regionalen Kunststile als genuine Mischstile auf lateinischen wie griechischen und auch muslimisch-arabischen Traditionen. Dagegen war Pera (Galata), wo die große Dominikanerkirche St. Dominikus bis heute als Arap Camii „überlebt“, eine genuesische Kolonie am goldenen Horn, die in besonders guten Beziehungen zu der nach der lateinischen Okkupation im benachbarten Istanbul erneut eingesetzten Palaiologendynastie stand. Im Gegensatz zu Apulien war hier die multikulturelle Situation jung und in besonderer Weise von diplomatischen und merkantilen Relationen geprägt.

In beiden Fällen erfolgte die Ankunft und Verbreitung der Mendikanten – gefördert sowohl von den lokalen weltlichen Machthabern als auch vom Papsttum – unter der ihnen eigenen Aufgabenstellung der urbanen lateinischen Seelsorge und der damit verbundenen Häresiebekämpfung und Missionierung (umfassend verstandenen als Evangelisierung von Christen wie Nichtchristen). Dabei suchten die Orden trotz der Besitzlosigkeit ihrer Niederlassungen und der mehr oder weniger intensiven Einflussnahme der Stifter immer auch ihre architektonische und bildliche Programmatik umzusetzen. Diese paradigmatische Typenbildung im Dienste mendikantischer Reformideen und Ordenspropaganda schloss jedoch keineswegs eine gleichzeitige Flexibilität gegenüber regionalen Einflüssen oder Ansprüchen von Seiten der Stifter aus. Ganz im Gegenteil: Die Forschungsergebnisse der ersten Projektphase bezeugen, dass die programmatischen Absichten durchaus in Übereinstimmung mit den Interessen der Stifter stehen konnten. Gemeinsames Ziel war die Symbolisierung und Inszenierung einer kirchenreformerischen Frömmigkeit und – einhergehend mit repräsentativen Zielen – die machtpolitische Integration der Bevölkerung. Am Beispiel Apuliens wird deutlich, dass die von den Mendikanten eingeführte innovative Kunst vor Ort sogar eine besondere Ausstrahlung entfalten konnte und auf diese Weise der Fortsetzung der althergebrachten lokalen Kunsttradition entgegen wirkte. Von der Verbreitung des neuen Stils ist jedoch nicht auf eine bewusste Desintegration mit künstlerischen Mitteln als Strategie der mendikantischen Mission zu schließen. So wurden gerade in der für die Kunstentwicklung Apuliens Impulsgebenden Franziskanerkirche S. Caterina in Galatina typisch mendikantische Architektur- und Dekorelemente und Bildinhalte mit der lokalen Kunsttradition verquickt. Ihre Gestalt legt eher eine gezielte Inkorporation und nicht etwa eine Desintegration der heimischen Kultur als Ziel von Stifter und Orden nahe.

In dem laufenden zweiten Antragszeitraum unseres Projekts stehen Bau- und Bildkunstwerke aus dem Wirkungsraum der Mendikanten in den nach 1204 von den Lateinern eroberten Gebieten des ehemaligen byzantinischen Reichs in Griechenland und Zypern im Zentrum unserer Forschungen. Zunächst haben wir uns Westgriechenland mit dem (französischen) lateinischen Fürstentum Achaia auf dem Peloponnes und dem von Venedig beherrschten Negroponte (dem heutigen Euböa) zugewandt. Das nur mittelbar süditalienisch beeinflusste byzantinische Despotat Epirus, das im 14. Jahrhundert unter serbische und albanische und erst im 15. Jahrhundert kurzfristig auch unter italienische Herrschaft kam, dient uns als Referenzregion, um die Reichweite so genannter westlicher Kunsteinflüsse vergleichend erfassen zu können. Als geeigneter Ausgangspunkt für unsere Untersuchung präsentiert sich hier die gut erhaltene spätmittelalterliche „Kirchenlandschaft“ in und um Arta. Anschließend befassen wir uns mit den Ruinen der Mendikantenkirchen in Zypern und ihrer direkten wie auch mittelbaren Bildkunst sowie mit den zahlreichen ruralen Zeugnissen des lateinisch-griechischen Kulturkontakts im spätmittelalterlichen Zypern. Bislang zeichnen sich neben den Detailanalysen folgende allgemeinere Zwischenergebnisse ab:

Im östlichen Mittelmeerraum war die Verbindung zwischen Mendikanten und Herrschenden, die ja überall in Europa relativ eng war, von besonderer Wichtigkeit und Intensität. Die Eroberer in den Kreuzfahrerstaaten, die ihre Herrschaft erst noch etablieren mussten, hatten nicht nur gegen etwaigen Widerstand der Eroberten zu kämpfen, sondern mussten sich auch gegen Ansprüche ihrer lateinischen Mitstreiter durchsetzen, die sich ein möglichst großes Stück von dem eroberten „Kuchen“ sichern wollten. Koalitionen konnten wechseln – vereinzelt sogar zwischen den religiösen Fronten. So beschwerte sich Gottfried von Villehardouin 1210 u.a. über Lateiner, die sich mit Griechen gegen andere Lateiner verbündet hätten. Zu den um Land, Lehen und Macht konkurrierenden Adeligen, die mit dem Dynasten ins Land gekommen waren, gehörten auch die Säkularkleriker, insbesondere Bischöfe und Domkanoniker. Unter ihnen konnten die neuen Fürsten oder Könige kaum uneigennützige, verlässliche Männer finden, die sie etwa für diplomatische Aufgaben hätten einsetzen können. Vertrauensstellen – und wenn möglich auch Bischofssitze – wurden deshalb hauptsächlich mit Dominikanern oder Franziskanern besetzt. Diese mussten zwar auch nicht uneigennützig sein, schließlich sollten sie ihre Ordenspolitik und weitgehend auch die Papstpolitik vertreten, aber sie konkurrierten mit dem Herrscher nicht um Land und Lehen(sleute). Vor allem standen – anders als bei den wohlhabenden hohen Säkularklerikern – hinter den einzelnen Mendikanten keine Adelsfamilien, die mit dem Herrscher um die politische Macht im engeren Sinne streiten konnten. Zudem zeigt sich, v.a. in Zypern, eine gewisse Entfremdung der Brüder in den Niederlassungen von der zentralen Ordenspolitik und der Papstpolitik, insofern sie offensichtlich kompromisslos den politischen Maximen der Könige folgten. Aktive Missionierung und Konversionen von Griechen etwa wurden von den politischen Autoritäten gar nicht gerne gesehen, da sie als Quelle von Unruhe galten, und sind von den zyprischen Mendikanten auch nicht überliefert. Einzig auswärtige Gesandte oder durchreisende Besucher aus westeuropäischen Ordenszentralen, wie z.B. 1301 der Franziskanertertiar Raymundus Lullus oder 1359 der karmelitische Papstgesandte Peter Thomas, durchbrachen diesen Kodex und wurden daraufhin vom Monarchen „kaltgestellt“.

In der uns besonders interessierenden Frage der Implementierung überregionaler Kunststandards durch die Mendikanten bzw. ihr Umfeld sind z.T. medienspezifische Unterschiede zu beobachten. So sind in der lokalen byzantinischen Sakralarchitektur Achaias diverse Übernahmen gotisch-westlicher Architektur- und Skulpturelemente auffällig, während in der Malerei ein weitgehendes Fehlen westlicher Charakteristika zu konstatieren ist. Die Feststellung einer möglicherweise ebenfalls medienbezogenen adaptiven Kunstpraxis der Lateiner ist leider durch die schlechte Überlieferungslage erschwert. Die Ruine der Dominikanerkirche von Andravida zeigt die Implementierung typischer Ordensarchitektur, hat aber außer zwei byzantinischen Spolien keine auswertbaren Dekorreste aufzuweisen. Jedoch ist mit der Kirche von Merbeka zumindest ein Beispiel von der Argolis bekannt, mit dem sich der Dominikaner-Bischof von Korinth, Wilhelm von Mörbeke, eine Grabkirche von demonstrativ byzantinischem Bautyp, aber ohne byzantinische Fresken, errichten ließ. Umgekehrt verhielt es sich mit der Dominikanerkirche in Pera, die typische Ordensarchitektur mit byzantinischen Traditionen in der Chorausmalung verband. Auffällig enge bautypologische Bezüge deuten sich zwischen den Dominikanerkirchen in Andravida (Peloponnes) und Pera und der mutmaßlichen Dominikanerkirche im ehemaligen Negroponte (Chalkis auf Euböa) an. In diesen Niederlassungen folgte die Kirchenarchitektur der zentraleuropäischen Ordensarchitektur. Möglicherweise zeigt sich mit diesen drei Bauten ein wichtiger früher programmatischer Kirchenbautyp der Dominikaner, der um die Mitte des 13. Jahrhunderts nicht nur in so bedeutenden Niederlassungen wie Piacenza, Perugia und Köln, sondern auch in den bisher eher randständig erscheinenden Städten der östlichen ‚Kolonien‘ realisiert wurde. Damit werden Kategorien wie „Zentrum und Peripherie“, die auch in der Konzeptualisierung unseres Projektes zum Ausdruck kommen, zunehmend fragwürdig in ihrer Anwendbarkeit auf die spätmittelalterlichen Verhältnisse.

In Zypern, wo überdurchschnittlich viele Bau- und Bildkunstwerke aus der Zeit der lateinischen Herrschaft erhalten sind, werden die komplexen Verhältnisse zwischen den lateinischen und orthodoxen Bevölkerungsgruppen differenzierter erkennbar. Die Könige der (ursprünglich französischen) Dynastie der Lusignan haben in ihrer ‚Religionspolitik‘ durchweg versucht, mäßigend auf die Forderungen des Papstums einzuwirken und ihre griechischen Untertanen vor Härten zu schützen. Die Architektur der Lusignan ist eine eigenständige Adaption französischer Gotik in levantinischer Prägung. Interessanter Weise orientieren sich die Bauten der Bettelorden – beispielsweise die Franziskanerkirchen in Famagusta und Paphos, die mutmaßliche Dominikanerkirche in Famagusta und die Karmeliterkirche in Famagusta – gänzlich an gleichzeitigen Kirchbauten dieser zyprischen Gotik, nicht aber an traditioneller Ordensarchitektur. Die griechisch-orthodoxen Christen übernahmen nach einigen Jahrzehnten und insbesondere infolge der religiös motivierten politischen Annäherung der Lateiner um 1340 die zyprisch-gotische Architektur in teilweise sehr weitgehendem Umfang – z.B. St. Georg der Griechen in Famagusta, St. Mamas in Agios Sozomenos. Die Lateiner wiederum zeigten große Wertschätzung für die byzantinische Malerei. Sie begeisterten sich v.a. für Ikonen, adaptierten sie auch zu spezifischen neuen Zwecken, gaben zahlreiche Werke bei „byzantinischen“ Künstlern in Auftrag und ließen sich als Stifter auf ihnen abbilden. Die Karmeliter gaben eine großformatige Ikone (oder Tafelmalerei) in Auftrag, die einem Gegenstück aus der orthodoxen Klosterkirche Agios Nikolaos tis Stegis gleicht. Dass es aber nicht nur kulturelle Transferprozesse von einer Bevölkerungsgruppe zur anderen gab, sondern dass sich in Zypern tatsächlich eine hybride Praxis im Sinne gemeinsamer gemischter neuartiger Kulturpraktiken herstellte, zeigt sich erst abseits der urbanen Zentren in den kleinen ländlichen Kirchen, die offensichtlich viel häufiger als bisher in der Forschung angenommen parallel von orthodoxen und lateinischen Christen genutzt wurden. Hier sind lateinische Stifterbilder in orthodoxen Fresken, westliche Wappen an Ikonostasen und Deckenbalken oder (im byzantinischen Kultus zuvor unbekannte) Memorialfresken und -inschriften orthodoxer Christen zu finden.

Ein gemischtes Alltagsleben lateinischer und griechischer Christen ist in schriftlichen Quellen auch für das Fürstentum Achaia (Peloponnes) nachgewiesen, wo mittelfristig eine Integration der orthodoxen Oberschichten in die lateinische Feudalhierarchie stattfand. Jüngst hat David Jacoby (The Encounter of Two Societies: Western Conquerors and Byzantines in the Peloponnesus after the Fourth Crusade, in: Andrew Jotischky (Hrsg.), The Crusades. Critical Concepts in Historical Studies. Bd. 3: Crusading and the Crusader States, 1198-1336. New York 2008, S. 70-104) auf eklatante Unterschiede zwischen den Akkulturationsprozessen in den lateinischen Herrschaften des östlichen Mittelmeerraums hingewiesen. Er konstatiert einerseits ein erstaunliches Integrationsvermögen der feudaladeligen Herrschaften trotz bzw. aufgrund ihres starken Statusbewusstseins, andererseits eine vielleicht unerwartete Segregation der nichtfeudalen venezianischen und genuesischen Eroberer gegenüber ihren einheimischen Untertanen, die er der Angst vor Assimilation aufgrund alltäglicher Kontakte zuschreibt. Man könnte auch annehmen, dass die feudalen Gesellschaften Strukturen anboten, in die sich fremde, aber ähnlich zu kodierende Gruppen oder Personen einordnen konnten, während die protokolonialen Händlergesellschaften keine solche tradierten ‚Stellenangebote‘ besaßen. Am Beispiel von Euböa und in den weiteren Studien des laufenden Bewilligungszeitraums unseres Projekts, die sich hauptsächlich auf das venezianische Kreta, eventuell auch auf das genuesische Chios beziehen werden, können wir u.a. diese Thesen kritisch überprüfen.

ie Untersuchung des christlich-muslimischen Kontaktbereichs auf der iberischen Halbinsel anhand von Architektur und Bildkunst im Umkreis der Mendikantenniederlassungen in Murcia und Andalusien soll Inhalt der projektierten dritten Projektphase von Herbst 2009 bis Herbst 2011 sein.

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Letzte Änderung am 5. November 2008