"'Achsenzeiten' jüdischer Geschichte während des späten Mittelalters in westeuropäischen Zusammenhängen."

Bearbeiter: Dr. Rainer Barzen/Lennart Güntzel, Trier
Betreuer: Prof. Dr. Alfred Haverkamp, Trier
Projektart: Habilitation/Promotion in Mittlerer Geschicht
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Unser Vorhaben über ",Achsenzeiten' jüdischer Geschichte während des späten Mittelalters in westeuropäischen Zusammenhangen" befasst sich mit der Frage, ob innerhalb dieser Zeitspanne von etwa einem Viertel Jahrtausend Phasen, die in Anlehnung an Karl Jaspers als Achsenzeiten bezeichnet werden, auszumachen sind. Gemeint sind damit Zeiträume von wenigen Jahrzehnten, in denen sich die Lage der Juden in der christlichen Mehrheitsbevölkerung des Okzidents tiefgreifend und auf längere Dauer verändert hat. Da die Beziehungen der Christen zu den Juden und der Juden zu den Christen das jeweilige Selbstverständnis der Angehörigen beider monotheistischen Religionen stark bestimmten und umgekehrt - also für beide Seiten fundamental waren - ist zu schließen, dass in solchen Achsenzeiten die starke und nachhaltige Veränderung der Lage der Juden zugleich mit entsprechend zugespitzten Wandlungen unter den Christen korrespondierten und demgemäss die Binnenverhältnisse sowohl unter den Christen als auch unter den Juden die Relationen zwischen Christen und Juden erheblich beeinflussten. Aus denselben Gründen ist davon auszugehen, dass derartig einschneidende Intentionen und Vorgänge nicht lokal oder regional begrenzt waren, sondern trotz unterschiedlicher räumlicher Gegebenheiten in weit ausgreifenden Kommunikationszusammenhängen geschahen, an denen sowohl Christen als auch Juden - zumindest ihre jeweils führenden Persönlichkeiten und Gruppen - beteiligt waren.

Als Ausgangsbasis für die Analyse dieser komplexen Gegebenheiten wählen wir das römisch-deutsche Reich. Darin erhielt bekanntlich das trotz der Shoah bis heute weltweit nachwirkende aschkenasische Judentum seit dem 10. /11. Jahrhundert in besonders engen Konnexen mit der südlichen und vor allem der westlichen Romania seine spezifische Ausprägung und drang von dort aus weiter in den Osten und auch in den Süden vor. Diese Profilierung war sowohl mit Abgrenzungen zum sephardischen Judentum als teilweise auch mit engen Verbindungen zwischen Aschkenasim und Sephardim verbunden.

Trotz der vor allem in den letzten Jahrzehnten erzielten Fortschritte ist die Forschungslage über die Geschichte der Juden in ihren angedeuteten Wechselbeziehungen und Interdependenzen innerhalb des nordalpinen Regnum insbesondere für solche Achsenzeiten noch immer äußerst unbefriedigend. Dies gilt noch mehr hinsichtlich der angedeuteten weit über den Geltungsbereich dieses Reiches hinausgehenden und auch in anderen Bezügen grenzüberschreitenden Konnexe.

In der bewilligten Förderphase konzentrieren wir uns auf die erste dieser hypothetisch angenommenen spätmittelalterlichen Achsenzeiten: nämlich auf die Zeitspanne von etwa drei Jahrzehnten vom Ende des sogenannten Interregnum, dem Beginn der Regierungszeit Rudolfs von Habsburg, bis zur Vertreibung der Juden aus den französischen Kronlanden im Jahre 1306. Für die Annahme dieser Achsenzeit sprechen viele Indizien. Unter diesen seien einige hervorgehoben:

Damals erreichte die jüdische Präsenz im Westen und Norden Europas ihren Höhepunkt und überschritt ihn zugleich. Im nordalpinen Regnum breiteten sich jüdische Niederlassungen offenbar noch weiter aus, obwohl sich vor allem seit den achtziger Jahren Verfolgungen häuften und regionale ausweiteten. Dafür sei hier nur aufmerksam gemacht auf die Pogrome im Zusammenhang des angeblichen Ritualmordes an Werner von Oberwesel um 1287 und an die noch weiter ausgreifenden Rintfleischverfolgungen in Franken und Schwaben von 1298. Außerhalb des deutschen Reichs erfolgten seit den späten achtziger Jahren die ersten großflächigen Vertreibungen der Juden: 1287 aus der Gascogne, 1289 aus Main und Anjou und 1290 aus England. Im selben Jahr 1290 stellte das angevinische Königtum die süditalienischen Juden unter dem Vorwurf des Menschenopfers vor die Alternative Vertreibung oder Vernichtung, was zu Massenkonversionen und zur Flucht vieler anderer Juden aus dem Regno führte.

Insbesondere der erzwungene Exodus der Juden aus England und die Vertreibung der auch hier zuvor ausgeplünderten Juden aus den Kernbereichen der französischen Monarchie im Jahre 1306 führten zu Einwanderungen von Juden auch in das römisch-deutsche Reich. Dessen herausragende Judengemeinden am Rhein verloren so - trotz der zeitweiligen Wiederzulassungen von Juden in Frankreich bis zur endgültigen Vertreibung von 1394 - ihre in jeder Hinsicht fundamentale Brückenstellung zwischen dem Judentum in der Romania, wozu damals auch England gehörte, und in der Germania und wurden nunmehr zu den westlichen Außenposten des Judentums auf dem Kontinent. Wie intensiv diese Vermittlerrolle war, hat jüngst der Projektmitarbeiter Dr. Rainer Barzen in seiner Edition und umfassenden Kommentierung der Takkanot Schum - der Statuten der Schum-Gemeinden Speyer, Worms und Mainz - mit neuen Befunden aufgezeigt. Dazu zählt der Nachweis, dass "eine französische Rechtstradition seit dem 13. Jahrhundert im Kontext eines als autochthon aschkenasisch angesehenen Rechtstextes" fortlebte, die schließlich ... "sich weiter in den jüdischen Zentren Mittel- und Osteuropas verbreitete" (S. 29). Zudem erschloss Dr. Barzen in den Beschlüssen des Medinat Worms von 1306/07 ein aufschlussreiches Zeugnis dafür, dass die Vertreibung der Juden aus den französischen Kronlanden bei ihren Glaubensgenossen in den alten Zentren des aschkenasischen Judentums die Furcht vor Vertreibungen und anderen Verfolgungen schürte und auch sonst deren Einstellungen und deren Verhaltensweisen untereinander direkt beeinflusste.

Um so dringender erscheinen Untersuchungen darüber, wie andere Aspekte jüdischen Lebens innerhalb des nordalpinen Reichs in Konnexen mit Vorgängen im Westen Europas, insbesondere zu den benachbarten westlichen Gebieten, standen. Dazu gehört die Rechtskonstruktion der Kammerknechtschaft der Juden. In der bisherigen Forschung bis hin zu Willoweit und Patschovsky wird die freilich nur unzureichend abgestützte Auffassung vertreten, dass Rudolf von Habsburg die Rechtstellung der Juden durch eine rigorose Interpretation der servitus iudeorum als servi camere nostre bis hin zum Anspruch auf uneingeschränkte Verfügungsgewalt über Leib und Gut der Juden vornehmlich aus finanziellen Interessen extrem und mit nachhaltiger Wirkung verschlechtert habe. Patschovsky hat angemahnt, dass eine sachgerechte Analyse dieses ursprünglich für die Juden keineswegs negativen Rechtsmodells nur in vergleichender westeuropäischer Perspektive erfolgen könne. Diesen Weg hat David Abulafia in den letzten Jahren systematischer beschritten, doch sind auch in dieser Hinsicht noch viele Fragen insbesondere für unsere Achsenzeit offen.

Dies gilt beispielsweise auch für die Aufsehen erregende Flucht des damals größten Gelehrten unter den aschkenasischen Juden - des damals schon mehr als sechzig Jahre alten, über intensive Kontakte im Westen Europas verfügenden Meir von Rothenburg aus Worms - und anderer Juden aus mittelrheinischen und wetterauischen Städten im Jahre 1286. Die Motive für die Flucht, die vielleicht nach Eretz Israel führen sollte, aber in der Gefangenschaft König Rudolfs endete, sind unklar. In Frage kommen erneute Pogrome in Mainz und am Mittelrhein. Jedoch dürften für diesen schwerwiegenden Entschluss Meirs, der während seines Studiums in Frankreich bereits die Pariser Talmudverbrennungen von 1242 erlebt hatte, eher eine Zuspitzung allgemein verbreiteter antijüdischer Vorgänge und Stimmungen im lateinischen Westen maßgeblich gewesen sein. Eine herausragende Rolle spielten dabei offensichtlich Angehörige von Bettelorden, die, wie Jeremy Cohen hervorgehoben hat, die bisher weithin geltende augustinische Doktrin über die Duldung der Juden in der christlichen Heilsgeschichte radikal infrage stellten und in ihren Predigten, aber ebenso in anderen Formen der Seelsorge auf eine Bekehrung der Juden drangen wie auch die Polemik über den Wucher in erster Linie gegen die Juden richteten.

Dies sind nur wenige Andeutungen aus dem weiten Spektrum des Vorhabens. Es fordert wegen der Komplexität der Vorgänge in religiöser Differenz, die sich nur partiell mit kultureller deckt, ein behutsames Vorgehen, bei dem stets auf die Interdependenzen zwischen dem Verhalten zu Angehörigen der anderen Religion und den Verhältnissen unter den Mitgliedern der eigenen zu achten ist. Zur Aufdeckung dieser Beziehungsnetze bedienen wir uns bevorzugt des methodischen Leitstranges von Exklusion und Inklusion, den wir jedoch aus seiner systemtheoretischen Verankerung lösen.

In Arbeitsteilung zwischen den Mitwirkenden bemühen wir uns um eine vollständige Erfassung der hebräischen und der weiteren, überwiegend lateinischen Quellen. Deren Auswertung erfordert eine enge Zusammenarbeit. Dabei kooperieren wir zugleich mit anderen Spezialisten in unserem Trierer Forschungsschwerpunkt. Bei schwierigen judaistischen Problemen können wir zudem mit der Hilfe von Fachleuten insbesondere aus Israel fest rechnen. Nicht zuletzt hoffen wir auf Anregungen im Rahmen des neuen Schwerpunktprogramms.

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Letzte Änderung am 9. November 2005